Ein Wort, das alles auslöste

Wie eine Beleidigung im Prager Künstlerverein Arcadia im Frühjahr 1859 zur Gründung der Schlaraffia führte.

Kolorierte Wirtshausszene: Schlaraffen um einen Tisch unter dem Schild von Freund’s Restauration, oben links ein Uhu auf einem Ast, an den Rändern zwei Porträtmedaillons
„Der Proletarierklub in Nöthen." Wirtshausszene unter dem Schild von Freund's Restauration, oben links der Uhu; die Medaillons zeigen die Urschlaraffen Ulbricht und Kolár. Von Rt Pastranus (Franz Kolár d. J.) und dem Urschlaraffen Ulbricht. Aus: Drasal vom Glockenthurm, Chronica Allschlaraffiae, I. Teil, Praga a. U. 39. Digitalisat: Archiv Schlaraffia Eisenach e. V.

Prag, eine Kunststadt

Prag hatte im 19. Jahrhundert den Ruf einer Kunststadt ersten Ranges. Das Ständetheater stand unter seinem Direktor Franz Thomé — 1858 unter neun Bewerbern ausgewählt — im Zenit seines Ruhmes; das deutsche und das tschechische Ensemble teilten sich dieselbe Bühne, und in eben diesem Haus hatte Mozart siebzig Jahre zuvor den Don Giovanni selbst dirigiert.

Das Bürgertum hatte sich nach dem Scheitern der Revolution von 1848 in die Salonkultur zurückgezogen. Sammelpunkt des künstlerischen Lebens war der Kunst- und Künstlerverein Arcadia, in dessen Vorstand der Akademiedirektor Eduard Engerth saß, der Hofrat Karl Egon Ebert, der Konservatoriumsdirektor Jan Bedřich Kittl, Universitätsprofessor Baron Leonhardi, der Redakteur Ferdinand Břetislav Mikovec — und Franz Thomé.

Die meisten der späteren Gründer waren Schauspieler, Sänger und Musiker in saisonalen Engagements: Leute mit Bildung und Witz, aber ohne Vermögen und ohne gesellschaftliche Absicherung. Das ist der Boden, auf dem alles Weitere wächst.

Prag, als die Schlaraffia begann

Ein Satz zur Stadt, weil er die ganze Geschichte rahmt. 1846 zählte Prag nach Pfarrangaben 66.046 deutschsprachige und 36.687 tschechischsprachige Bewohner — eine Angabe, die vermutlich zugunsten der Deutschsprachigen erhöht ist. 1880 waren es 39.000 Deutschsprachige bei 213.000 Einwohnern, 1910 noch 33.000 bei 405.000: unter zehn Prozent.

Die deutschsprachige Bürgerschaft Prags hatte ihre Institutionen: das Ständetheater, ab 1882 das Neue Deutsche Theater, die im selben Jahr geteilte Karlsuniversität, Zeitungen wie die Bohemia und ab 1876 das Prager Tagblatt.

Die Schlaraffia entstand 1859 — am Beginn genau dieses Abstiegs, nicht an seinem Ende. Sie war kein Verein der Mehrheit, der sich einen Zeitvertreib leistete, sondern von Anfang an der Verein einer Gruppe, die kleiner wurde. Das Prager Tagblatt wurde am 5. April 1939 von den Nationalsozialisten eingestellt, wenige Wochen vor dem Verbot der Schlaraffia. Am Ende war beides weg. → Das Ende, 1933 bis 1939

Der Streit

„Leider war indessen auch das Protzenthum in der »Arcadia« zahlreich vertreten, und als Director Thome eines Tages eines seiner Mitglieder zur Aufnahme meldete, welches Stadtbekanntermassen mit irdischen Gütern nicht überreich gesegnet war, da kam es zwischen Thome und den Vorstandsmitgliedern der »Arcadia« zu Erörterungen, in deren Verlaufe das Wort »Proletarier« fiel. Entrüstet ob solcher Beleidigung eines seiner Mitglieder, meldete Thome seinen Austritt aus der »Arcadia« an."

— Rt Drasal vom Glockenthurm, Chronica Allschlaraffiae, I. Teil [CHR-A]

Der Beleidigte hat einen Namen, und die Verbandschronik nennt ihn sechzig Jahre später ausdrücklich, um ihn in Schutz zu nehmen:

„Das herauszustellen erscheint wegen der Ehrenrettung des jungen Opernsängers Albert Eilers wichtig. Er ist, 28jährig, i. J. 1858 nach Prag gekommen. […] Bleibt also, daß Eilers wohl ein ‚armer Teufel', aber sonst ein makelloser, charakterlich einwandfreier, von hohen Idealen erfüllter Mann gewesen ist."

— Chronik des Verbandes Allschlaraffia, Band I [VCH I]

Der Trotz

Thomé und die Betroffenen wandten sich einer Runde zu, die weder Namen noch Statuten hatte und sich allabendlich in Freund's Restauration an der Ecke Wassergasse und Grube traf. Und sie gaben sich genau den Namen, mit dem man sie beleidigt hatte:

„Aber die Consternation hielt nicht lange an, bald gewannen Frohsinn und Humor wieder die Oberhand, und unter Jubel wurde beschlossen, die namenlose Tafelrunde, der »Arcadia« zum Trotz, »Proletarier-Club« zu benennen." [CHR-A]

Die Proletarier-Namen

Hier sieht man zum ersten Mal, wie schlaraffische Namen entstehen: aus dem Beruf, mit einem Augenzwinkern. Aus diesen acht Spitznamen wurden zwei Jahre später Ritternamen.

Proletarier-Name Profan Beruf
Taktstockproletarier Wilhelm Jahn Kapellmeister
Bauproletarier Heinrich Mick Baumeister
Mehlproletarier Allram Kaufmann
Tenorproletarier Eduard Bachmann Tenorist
Balletproletarier Wenzel Reissinger Ballettmeister
Bassproletarier Albert Eilers Bassist
Celloproletarier Goltermann Cellist
Federproletarier Carl Tobisch Redakteur

[CHR-A]

Noch am selben Abend entstand das Proletarier-Quartett, gedichtet und komponiert von Eilers, gesungen von Bachmann, Slansky, Mick und Eilers. Der Gesang stand also von der ersten Stunde an im Mittelpunkt — er ist nicht Beiwerk der Schlaraffia, sondern ihre Keimzelle. [CHR-A, BRA-11]

Was offen bleibt

Drasal setzt den Bruch mit der Arcadia ins Frühjahr 1859. Das Österreichische Biographische Lexikon, die Allgemeine Deutsche Biographie und der tschechische Publizist Servác Heller nennen dagegen erst 1860 als Gründungsjahr der Prager Arcadia — und Thomé bei ihrer Konstituierung als gewähltes Direktionsmitglied. Dann wäre er nach der Schlaraffia-Gründung noch in der Leitung des Vereins gewesen, den er im Zorn verlassen hatte.

Aufgelöst ist dieser Widerspruch nicht. → Was wir nicht sicher wissen


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