Der 10. Oktober 1859

Wie die Schlaraffia gegründet wurde, wie die Chronik es erzählt — und was davon der eigene Bund später richtiggestellt hat.

Wie die Chronik es erzählt

Die Runde drohte einzuschlafen. Was dann geschah, steht bei Drasal so:

„Die Gesellschaftsabende wurden mit der Zeit spärlicher besucht, die Zahl der Mitglieder schrumpfte zusammen und schon fürchtete man eine gänzliche Auflösung des Proletarierbundes; da forderte der Opernsänger Albert Eilers die noch übrigen treuen Gesinnungsgenossen am 10. October 1859 auf, sich mit Hand und Wort zu verpflichten, treu und fest zusammen zu halten, und auf Vorschlag des Feder-Proletariers (Tobisch) wurde dem somit neuerdings gegründeten Vereine der Name Schlaraffia gegeben und neben der Pflege der Kunst und des Humors auch die innige Freundschaft und Bruderliebe auf sein Banner geschrieben." [CHR-A]

Und unmittelbar darauf:

„Der schon lange als Mehl-Proletarier dem Vereine angehörige Allram dichtete sofort das in unserem Liederkranze angeführte Stiftungslied, Capellmeister Jahn setzte es, die Noten auf die Rückseite eines Speisezettels schreibend, in Musik und als sich gegen Mitternacht die übrigen Gäste meistentheils entfernt, wurde das neue Stiftungslied Nro. 1 von sämmtlichen Anwesenden mit Begeisterung zum ersten Male gesungen." [CHR-A]

Wilhelm Jahn heißt bis heute danach: Mager der doppelte Speiszettel. Er wurde später siebzehn Jahre lang Direktor der Wiener Hofoper — so lange wie niemand vor oder nach ihm.

Die erste Strophe des Stiftungsliedes:

Laßt uns, Freunde, heute gründen einen fröhlichen Verein, / laßt uns treu und fest verbinden; mög's von langer Dauer sein; / laßt uns fröhlich heiter singen, laßt die Sorgen all' zu Haus! / Jubelnd wollen wir jetzt bringen dem Verein ein „Vivat" aus! [VCH I]

Und so ging es weiter, wenn die anderen Gäste gegangen waren:

„Freilich musste der neugegründete Verein, der alltäglich seinen Stammtisch bei Freund beibehielt, sich in Gegenwart der übrigen Gäste einen gewissen Zwang auferlegen, aber wenn sich diese gegen Mitternacht entfernten, dann begann das eigentliche schlaraffische Leben. Es wurden Chöre und Lieder gesungen, poetische Vorträge gehalten und dazu kreiste fröhlich-feucht ein mächtiger Pokal, aus dessen Fluthen man Labung und Vergessen aller profanen Lebenswirren trank. Die Eitelkeiten und Lächerlichkeiten dieser Welt wurden durch einen feierlichen, närrischen Cultus verspottet." [CHR-A]

Der letzte Satz ist das ganze Programm.

Was so nicht stimmt

Drasal schrieb 1898, fast vierzig Jahre nach den Ereignissen, und er schrieb nach Hörensagen — was er selbst nicht verschwieg: „Reich war das Material, welches mir zur Verfügung stand, aber oft bot es auch Lücken, welche auszufüllen mir nicht immer gelungen ist." Die Chronik des Verbandes hat ihn 1959 an drei Punkten korrigiert. Sie gehören hierher und nicht in eine Fußnote, denn sie machen die Gründung interessanter, nicht kleiner.

Der Name fiel nicht an diesem Abend

„Es ist völlig ausgeschlossen, daß die am 10. Oktober 1859 Zusammengekommenen so mir nichts dir nichts, nur auf den Vorschlag des Redakteurs Tobisch hin, den doch immerhin höchst merkwürdigen und auffallenden Namen ‚Schlaraffia' ohne Widerspruch angenommen hätten. Wahrscheinlich war an diesem Abend von dem Namen überhaupt noch keine Rede." [VCH I]

Der Beleg ist einfach und schlagend: Die beiden ursprünglichen Strophen des Stiftungsliedes enthalten das Wort „Schlaraffia" nicht. Erst die dritte, ein Jahr später von Eilers hinzugedichtete Strophe spricht vom „lieb Schlaraffenland". [VCH I, BRA-11]

Woher Tobisch das Wort hatte, ist ungeklärt. Die Chronik vermutet, es sei als Gegenwort zur Arcadia aufgekommen: Arcadien – Arcadia / Schlaraffien – Schlaraffia.

Es war kein Ritterbund

„Bei der Gründung des neuen Bundes am 10. Oktober 1859 hat das ‚Rittertum' nicht Pate gestanden. […] Als der Verein ‚Schlaraffia' gegründet wurde, kamen seine Mitglieder in normal-bürgerlicher Kleidung, ohne jegliches Abzeichen und insbesondere ohne Kopfbedeckung bzw. sonstigen Schmuck zusammen. Die offizielle Anrede war: ‚Meine Herren!'. Es gab auch noch kein ‚Ihr', noch kein Fünkchen von einem ‚Rittertum'!" [VCH I]

Die Anrede „Meine Herren" wurde erst am 27. November 1860 verpönt und durch „Schlaraffen hört!" ersetzt. Alles, was man heute für schlaraffisch hält — Kappe, Ornat, Ritterschlag, Ceremonial —, kam später. Woher es kam, ist eine eigene Geschichte: → Woher das Spiel kam

Der Gründungsort war nicht der Hopfenstock

Die Chronologia der Praga selbst notiert: „10. 10. 1859: Gründung der Schlaraffia in der 1. Stammburg Hopfenstock". Die Verbandschronik widerspricht rundheraus:

„Der einzige Eintrag in der ‚Chronologia' ist: ‚10. 10. 1859: Gründung der Schlaraffia in der 1. Stammburg Hopfenstock' — und — das ist falsch! Die Gründung erfolgte im alten Stammlokal (des Proletarier-Clubs) in ‚Freund's Wirtshaus'." [VCH I]

Der Hopfenstock wurde erst im Herbst 1860 bezogen. Dass Graf Gleichen ihn 1861 dennoch „Schlaraffias Wiege" nannte, hat womöglich einen ganz anderen Grund — auch das steht auf der Seite über die Herkunft des Spiels.

1861 — aus der Tafelrunde wird ein Verein

Datum Ereignis
9. Februar Übersiedlung vom Hopfenstock in die Bierfeste „Stadt Jerusalem"
5. März Beschluss, den Verein behördlich constituiren zu lassen. Der älteste Pokal wird auf den Namen Aha getauft und zum „Allerheiligsten" erklärt
9. März Der Statutenentwurf wird angenommen, 19 Recken sind anwesend
18. März Das Konzessionsgesuch geht an die Prager Polizeidirektion, unterzeichnet von Franz Thomé, Eduard Bachmann und Wilhelm Jahn
23. April Shakespearefest in den Räumen der „Bohemia" — das erste große Fest, „zur Hälfte Damen"
14. Mai Übersiedlung in den Neustädter Theatergarten
21. Mai Die Brünner Schlaraffia wird als Filiale anerkannt — die erste Tochter
25. Mai Ritter Cotta überreicht die Schlaraffenklänge, das erste Liederbuch, 100 Exemplare
30. Mai Fahnenweihe bei der Landparthie nach Zavist — dieses Banner ist erhalten
8. Juni Eine Schlaraffinendeputation überreicht eine gestickte Fahne
9. Juni Die Polizeidirektion bewilligt den Vereinsbetrieb, Akt Nr. 30 689
28. Juni Ritter Cotta schenkt dem Vereine einen lebenden Uhu
20. Juli Plato verlässt Prag. Seine Abschiedsrede endet: „Seid einig! einig! einig!"
21. September Beschluss, „für ewige Zeiten das Stiftungsfest alljährlich am 10. Oktober zu feiern"
12. Dezember Der erste Burgfrawenabend

[CHR-A, HLA-12, VCH II]

Wozu der Verein da sein sollte

Aus dem Prager Vereinsregister, Eintrag von 1861:

„Der Direktor und die Mitglieder des ständischen Theaters bilden einen Verein, dessen Zweck folgender ist: sich durch Heiterkeit und harmlosen Scherz nicht nur zu unterhalten, sondern hauptsächlich durch Zusammenkunft mit ihren Kollegen, anderen Künstlern und Kunstfreunden die gegenseitigen Erfahrungen auszutauschen, sich zu belehren und die Kenntnisse zu vermehren."

Gespräche über Politik und Religion waren untersagt. Mitglied konnten nur Männer werden; zur Aufnahme brauchte es eine Zweidrittelmehrheit. 1896 wurde der Zweck neu gefasst: „Pflege von Kunst und Humor sowie die weitere Verbreitung von Schöpfungen der Schönen Künste und der Belletristik." [HLA-12]