Was wir nicht wissen

Eine Gedenkseite, die alles glattbügelt, ist weniger wert als eine, die zeigt, wo die Überlieferung streitet. Die offenen Fragen dieser Seite, ehrlich benannt.

Diese Seite verschweigt nichts. Wo die Quellen sich widersprechen, wo etwas ungeklärt bleibt oder wo Material fehlt, steht es hier — statt stillschweigend die bequemere Version zu wählen.

Fragen aus der Frühgeschichte

Woher der Name „Schlaraffia" stammt, ist ungeklärt. Selbst die Chronik des Verbandes weiß es nicht: Die erste, am Gründungsabend gedichtete Strophe des Stiftungsliedes enthält das Wort noch gar nicht — es taucht erst ein Jahr später auf. Eine moderne Kompilation führt den Namen auf den Dichter Ludwig Kalisch zurück, der ihn 1844 in einem Gedicht verwendete; sie selbst nennt das „reine Spekulation". Da sich außerhalb dieser einen Kompilation kein Beleg findet, nennt diese Site die Kalisch-Theorie bewusst nicht. Mehr zum Gründungsabend selbst: → Der 10. Oktober 1859.

23 oder 43 Urschlaraffen? Beide Zahlen sind in den Quellen belegt, und keine schließt die andere sicher aus — die plausibelste Erklärung ist, dass 23 die Runde des Gründungsabends war und 43 eine spätere Momentaufnahme derselben Stammrolle, aber belegt ist das nicht. Diese Site nennt beide Zahlen und erklärt den Unterschied, statt sich für eine zu entscheiden. Mehr dazu: → Die Urschlaraffen.

War die Praga von Anfang an ein Ritterbund? Nein — das ist inzwischen geklärt, nicht offen: Kappe, Ornat, Ritterschlag und Ceremonial kamen erst später hinzu, die Gründungsrunde traf sich noch in bürgerlicher Kleidung mit der Anrede „Meine Herren!". Woher das schlaraffische Spiel dann kam, bleibt dagegen eine offene Forschungsfrage: → Woher das Spiel kam.

Der Uhu — Ur-Symbol oder Spätzugang, Prag oder Berlin? Ausführlich behandelt auf → Wie ein Vogel zum Symbol wurde und → Aha, Oho und Uhu — hier nur die Kurzfassung: Der Uhu ist nachweislich der jüngste der drei schlaraffischen Schutzgeister, nicht der älteste, wie die spätere Symbolik nahelegt. Ob seine Erhebung zuerst in Prag oder — wie eine Berolina-Festrede von 2015 behauptet, mit Datum 11. November 1865 — in Berlin stattfand, ist unter den Quellen nicht entschieden.

Zwei Datierungswidersprüche

Das Gründungsdatum der Ysenaha. Band I der Verbandschronik nennt den 2. Februar a. U. 65, Band II den 25. März — beide Bände desselben Verbandswerks widersprechen sich. Die Seite folgt Band II als der jüngeren, aber ausführlicheren Quelle, vermerkt den Widerspruch aber sichtbar. Ebenso uneins sind die Bände beim Datum der Wartburg-Vorgeschichte von 1889: Band II nennt den 20. Juni, die Chronica den 20./21. Juli. Details: → Die Ysenaha und die Allmutter.

Ein vermuteter Datumsfehler, 1937/38. Die Chronik erwähnt eine Verfügung vom 21. Juli 1937, die eine Frist zum 1. März desselben Jahres gesetzt haben soll — das ist chronologisch nicht möglich, eine Frist kann nicht vor der Verfügung liegen, die sie setzt. Vermutlich ist mit der Frist der 1. März 1938 gemeint, nicht 1937, aber die Chronik selbst schreibt es nicht auf.

Original oder Kopie? Die Pforte

Die Prager Pforte in der Štěpánská ist der Gegenstand der genauesten Quellenprüfung dieser ganzen Seite — und der einzige Punkt, an dem der Bauherr eine ausdrückliche redaktionelle Entscheidung getroffen hat, statt die Frage offenzulassen: Die Metallpforte selbst gilt als Original und blieb in Prag. Die Wissenschaftlerin Kateřina Hlavničková liest dieselbe Quellenlage anders und bezeichnet das, was heute in der Fassade des Alcron sitzt, als „Kopie der ursprünglichen Eingangstüren". Beide Lesarten haben eine gemeinsame Grundlage: Die separaten, geschnitzten hölzernen Türfüllungen mit dem Praga-Wappen sind unstrittig ein eigenes, echtes Originalstück, das nach Bamberg gerettet wurde — strittig ist nur, ob die in Prag verbliebene Metallpforte selbst ebenfalls original ist oder ob auch sie eine spätere Nachbildung ist. Diese Site folgt der redaktionellen Entscheidung „Original", vermerkt Hlavničkovás abweichende Lesart aber an beiden betroffenen Stellen: → Pforte, Türfüllungen, Geländer und → Die Allmutterburg in der Stephansgasse.

Eine ungeprüfte Behauptung: Dvořák als Schlaraffe

Radio Prag hat behauptet, Antonín Dvořák sei Mitglied der Praga gewesen. In der wissenschaftlichen Mitgliederdatenbank des Opava-Forschungsprojekts taucht sein Name nicht auf. Diese Site übernimmt die Behauptung deshalb bewusst nicht — ihre Abwesenheit aus der Datenbank ist kein Beweis des Gegenteils, aber auch kein Grund, sie ungeprüft weiterzugeben.

Was an Bildmaterial noch fehlt

Für einige Personen und Orte liegt der Redaktion noch kein brauchbares Bild vor: die Porträts von Eduard Schmidt-Weißenfels und Wilhelm Jahn (bei Schmidt-Weißenfels vielleicht über eine „Plato"-Studiofotografie auf einem alten Kontaktbogen zu finden, deren Volldatei aber noch nicht auftauchte); der Archivschrank der Praga im h. R. Berna; eine Innenaufnahme des Sippungssaals der Allmutterburg vor deren Abriss; die zweite, hölzerne Gedenktafel von 2009, deren genauer Wortlaut und deren Foto beide fehlen (siehe → Die zwei Gedenktafeln); sowie Fotograf und genaues Aufnahmejahr des Banners von 1861 (siehe → Das Banner von 1861).

Was an Ortsangaben noch fehlt

Von den 23 Gründern der Praga sind die Grabstätten der meisten nicht bekannt — belastbar belegt und öffentlich zugänglich sind bislang nur die Ehrengräber von Franz Thomé und Felix Lechner (→ Die Gräber), und selbst bei Lechner fehlen genauere Angaben zu Weg und Pflegezustand. Für Conrad Adolf Hallenstein, Eduard Bachmann und Eduard Schmidt-Weißenfels ist der Grabort trotz bekanntem Sterbejahr nicht ermittelt.

Der Prager Stammtisch heute

Ein Leitfaden zu den schlaraffischen Gedenkstätten in Prag nennt einen heutigen Treffpunkt für Schlaraffen in der Stadt. Diese Site nimmt bewusst keine Angaben dazu auf: Die zugehörige Website ist im Wartungsmodus, und ob Ort, Zeit und Ansprechpartner noch aktuell sind, muss vor Ort geklärt werden, nicht aus einer alten Quelle übernommen. Der Bauherr nimmt selbst Kontakt auf; bis dahin bleibt die Seite heute/stammtisch-prag angelegt, aber unveröffentlicht.

Neue Fragen aus dem Fachaufsatz von 2025

Der Aufsatz des Prager Stadtmuseums über die Allmutterburg [KAL-25] hat dieser Site viel gegeben — und einige Punkte geöffnet, die vorher niemand gestellt hatte. Sie stehen hier, statt stillschweigend nach der bequemeren Fassung entschieden zu werden.

War der 20. November 1897 die Burgweihe? Die schlaraffische Überlieferung nennt sie so. Der Fachaufsatz kennt für 1897 nur zwei Termine: die Übergabe des Hauses zur Nutzung am 14. August, ohne Saal und ohne Kegelbahn, und die Eröffnungssippung der Winterung am 13. November im noch unfertigen Haus. Die feierliche Burgweihe, heißt es dort, wurde für 1899 eingeladen, auf den März 1900 verschoben und dann ganz aufgegeben. Beides kann zugleich wahr sein: eine kleine hausinterne Weihe 1897 und eine große, die nie stattfand. Solange das nicht geklärt ist, spricht diese Site nicht von der Burgweihe. → Die Allmutterburg in der Stephansgasse

Wann begann der Abriss des Altbaus — am 18. oder am 30. August 1896? Die schlaraffische Überlieferung nennt den 18., der Fachaufsatz den 30. und beruft sich dabei auf die Zeitung Politik vom selben Tag. Keine der beiden Quellen sticht die andere aus, also stehen beide Daten da.

Wie verhalten sich die Bauzahlen zueinander? Die Chronik nennt 27.000 fl. Kaufabsicht, 4.500 fl. Spenden und 135 Anteilscheine zu je 100 fl.; der Fachaufsatz nennt 20.000 fl. als höchste Einzelgabe. Das kann derselbe Vorgang in zwei Stufen sein oder es können zwei verschiedene Sammlungen sein. Ungeklärt — und deshalb wird hier nicht addiert.

1939 oder 1941 — wann zog die SA in die Burg? Der schlaraffische Kalender nennt 1941, der Fachaufsatz sagt nur „nach dem amtlichen Verbot", und das Verbot datiert vom 17. Juni 1939. Beides ist vereinbar, wenn die SA erst 1941 einzog; belegt ist es nicht. → Das Ende, 1933 bis 1939

Was wurde 1939 aus dem Ordens-Capitel des Dynamit-Ordens? Die Stiftungsurkunde bindet das Capitel an die im Reych Praga sesshaften Ordensinhaber. Ob der Orden danach weiterverliehen wurde, ob das Capitel überging oder ob er mit dem Reych endete, ist nicht bekannt. Das ist eine Frage an den Verband. → Der hohe Orden vom Dynamit

Ist die „alte Teutoburg" der Raum im Deutschen Haus? Die Stammdaten führen für die Praga zwei Burgennamen, Allmutterburg und Teutoburg. Der Fachaufsatz berichtet, die Praga habe von 1876 an vom Deutschen Casino einen Raum im Garten des Deutschen Hauses am Graben gemietet und seit 1877 in einem hölzernen Anbau der früheren Gartenterrasse gesippt; dort feierte sie 1884 ihr fünfundzwanzigstes Stiftungsfest mit 207 Teilnehmern. Im Reychsbestand liegt eine Tafel „Die alte Teutoburg am 25. Stiftungsfeste". Das passt zusammen — aber es ist die Zusammenführung zweier Quellen, nicht die Aussage einer von beiden. Bestätigt hätte die Tafel einen Ort und einen Namen.

Eismond oder Hartung? Für den Januar sind beide schlaraffischen Namen in Gebrauch. Die Praga-Chronik datiert „am 25. des Eismondes 1596"; andere Reyche der Flotte führen Hartung. Das gehört ins Glossar, statt einen der beiden Namen stillschweigend zu bevorzugen. → Kleines Wörterbuch

a. U. 0 oder a. U. 1 für 1859? Die hier verwendete Umrechnung lautet: profanes Jahr = 1859 plus der a.-U.-Zahl. Damit ist 1859 das Jahr a. U. 0, und das Erlöschen a. U. 80 fällt auf 1939 — genau das Jahr der Verordnung des Reichsprotektors vom 17. Juni. Ein Beleg des schlaraffischen Kalenders nennt 1859 dagegen als Bezugspunkt a. U. 1. Die Abweichung wird hier benannt, nicht geglättet. → Anno Uhui

Ahallfahrten nach 1939? Der schlaraffische Kalender führt zur Reychsnummer 1 zweiundvierzig Ahallfahrt-Belege, unter den Jahren auch 1968. Ein 1939 erloschenes Reych kann 1968 keine Ahallfahrten mehr gemeldet haben. Denkbar sind Meldungen über verstorbene frühere Praga-Sassen, eine Fehlzuordnung oder ein Rückblick. Zu klären, bevor daraus etwas abgeleitet wird.

War Wilhelm Jahn 1859 in Prag? Dass er Kapellmeister in Prag war, ist belegt; dass er in der Gründungsnacht des 10. Oktober 1859 dabei war und das Stiftungslied auf die Rückseite eines Speisezettels setzte, steht allein in der Chronica. Eine unabhängige Bestätigung für seinen Prager Aufenthalt in genau diesem Jahr ist bisher nicht gefunden. → Wilhelm Jahn

Die Praga-Gedenksippung vom 2. November 1994. Ein Chroniktext eines anderen Reyches erinnert einen Gemeinschaftsritt „zur Praga-Gedenksippung am 2. 11. a. U. 135 nach Prag" — a. U. 135 ist 1994. Dieser Text ist in der Archivdatenbank ausdrücklich als KI-erzeugte Verdichtung gekennzeichnet, und eine unabhängige Bestätigung ist trotz gezielter Suche nicht gefunden. Offen ist alles Weitere: Wer lud ein? Wo wurde gesippt — die Burg gab es nicht mehr? Welche Reyche ritten ein? Gibt es eine Fechsung, ein Protokoll, ein Bild? Diese Site behauptet die Gedenksippung deshalb nicht.

Mitmachen

Wer zu einem dieser Punkte etwas beitragen kann — ein Foto, eine Quelle, eine Korrektur —, ist herzlich eingeladen: → Mitwirken und korrigieren.

Quellen zu dieser Seite: Praga_01_Datensammlung.md, Abschnitt 12 („Widersprüche, die die Seite offen benennen sollte"); die redaktionellen Notizen der übrigen Seiten dieser Site.

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