Das Banner von 1861

Das älteste erhaltene Stück der Schlaraffia: das Banner der Allmutter Praga, geweiht am 30. Mai 1861 bei Zavist, heute in Wien.

Das aufgespannte Banner der Allmutter Praga: ein schräggeteiltes Tuch in Blau und Gelb mit schweren Goldfransen, an einer Holzstange von zwei Personen gehalten
Das Banner der Allmutter Praga, geweiht am 30. Mai 1861. Blau-Gelb, die Reychsfarben der Praga; das Blau ist verschossen. Verwahrt bei Schlaraffia Vindobona, Wien. Aufnahmeort und -jahr sind nicht gesichert. 〔Fotograf noch zu ermitteln〕

Was es ist

Ein schräggeteiltes Tuch, blau und gelb, mit schweren Goldfransen, an einer Holzstange mit Messingbeschlag. Das Blau ist in hundertfünfundsechzig Jahren zu einem Grauweiß verblasst. Es ist das älteste erhaltene Stück der Schlaraffia überhaupt — älter als jede Burg, jeder Schrein, jeder Orden.

Der Tag, an dem es geweiht wurde

Am 30. Mai 1861 zog die junge Schlaraffia zu einer Landparthie nach Zavist vor den Toren Prags. Der Verein war zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal behördlich bewilligt — das Konzessionsgesuch lag seit dem 18. März bei der Polizeidirektion, die Genehmigung kam erst am 9. Juni.

„Dann fand die Fahnenweihe statt. Kanzler Plato hielt die Festrede und Toast und Musik begrüsste das neue Banner, welches von sämmtlichen Schlaraffinen und Schlaraffen an die Stange seines Daseins genagelt wurde, und stolz wehte zum ersten Male Uhus Banner flatternd in freier Luft."

— Rt Drasal vom Glockenthurm, Chronica Allschlaraffiae, I. Teil [CHR-A]

Die Schlaraffinen brachten als Pathengeschenk drei gestickte Bänder. Neun Tage später, am 8. Juni, überraschte eine Schlaraffinendeputation die Ritterschaft mit einer weiteren, gestickten Fahne; „Burgfrau Carl II. sprach dabei einige Worte" — die Frau des Theaterdirektors Franz Thomé. [CHR-A]

Warum dieses Tuch mehr ist als ein Tuch

In diesem einen Satz Drasals steht das Wort Schlaraffinen zum ersten Mal in der ganzen Chronik. Die Statuten, die zehn Wochen zuvor eingereicht worden waren, ließen als Mitglieder ausdrücklich nur Männer zu. Und doch nagelten an diesem Nachmittag Frauen und Männer gemeinsam ein Banner an seine Stange, und die Chronik gab ihnen dafür einen eigenen Namen.

Das Banner ist damit das einzige greifbare Zeugnis der frühesten belegten Beteiligung von Frauen an der Schlaraffia. → Die Frauen

Wo es heute ist

Das Banner wird in Wien bei der Schlaraffia Vindobona verwahrt. Damit liegen die beiden gewichtigsten Praga-Stücke am selben Ort: In der Vindobona befindet sich seit a. U. 142 auch das über zwei Meter hohe Prunkgestühl mit dem Schriftband „in arte voluptas", das die Bruna der Praga 1884 zum 25. Stiftungsfest schenkte und das nach dem Umzug in die Stephansgasse dem Erbkantzler Barnabas als Sesshafte diente. [VCH IV]

Alle geretteten Stücke im Überblick